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09.11.2015 | Jiří Hönes

Hohenloher Pioniere: Die Grundschule Kocherstetten ist Referenzschule für Medienbildung

Die Laptops sind mit Dockingstationen, Tastaturen, Mäusen und Bildschirmen ausgestattet. Bild: Jiří Hönes/LMZ

An der Grundschule im Künzelsauer Stadtteil Kocherstetten sind Computer schon seit den 90er-Jahren Teil des Unterrichts. Schritt für Schritt wurde seither das Mediencurriculum der Schule ausgeweitet und die Ausstattung verbessert, sodass man hier bestens vorbereitet ist auf die Leitperspektive Medienbildung in den neuen Bildungsplänen. Von dieser langjährigen Erfahrung können nun auch andere Schulen im Hohenlohekreis profitieren: Seit Beginn des laufenden Schuljahrs ist die Grundschule Kocherstetten eine von bislang 13 Referenzschulen für Medienbildung an der Grundschule in Baden-Württemberg.

 

Wir haben uns vor Ort umgesehen und uns mit der Schulleiterin Angelika Di Girolamo, dem Lehrer Steffen Gahm und dem Medienpädagogischen Berater (MPB) Jürgen Kendel vom Kreismedienzentrum Hohenlohe unterhalten. Das Team präsentierte einerseits konkrete Unterrichtsideen aus dem aktuellen Schuljahr und erzählte, wie sich die technische Ausstattung der Schule in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Das schmucke Schulhaus stammt aus den 1890er-Jahren und beherbergte einst auch die Lehrerwohnung. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Die einzügige Grundschule im idyllischen Kochertal trägt beinahe bilderbuchhafte Züge. Sie besteht aus einem schmucken Schulhaus aus dem späten 19. Jahrhundert in der Ortsmitte von Kocherstetten und einer Außenstelle im benachbarten Morsbach. Die Klassen 1 und 2 werden überwiegend jahrgangsgemischt unterrichtet. Dass man hier auf dem Land ist, verdeutlicht Steffen Gahm: „An der Schule, an der ich mein Referendariat gemacht habe, da wurde ich gefragt, welche Playstation- oder PC-Spiele ich mag, hier kommen die Kinder und fragen mich ‚Hast du auch ’nen Bulldog daheim?‘“

E-Mail-Kontakt mit Londoner Schule

Angelika Di Girolamo setzt seit den 1990er-Jahren auf Computer in der Grundschule. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Dass gerade hier bereits seit mehreren Jahrzehnten mit Computern gearbeitet wird, liegt vor allem an Angelika Di Girolamo. Die gebürtige Mannheimerin ist seit 1980 an der Schule. 1990 ist sie zum ersten Mal beim Stadtkämmerer „auffällig geworden“: Der hatte sich gewundert, warum sich eine Dorfgrundschule vier Schreibmaschinen anschaffen wollte. Als sie ihm dann erklärte, dass die für den gestalterischen Umgang mit Text und Schrift im Unterricht bestimmt seien, wurde es genehmigt. Mitte der 90er-Jahre war ihr klar, dass der souveräne Umgang mit Medien für die Zukunft der Kinder ungemein wichtig ist. Also wurde jeder Raum mit einem PC ausgestattet. Als dann später Englisch in der Grundschule eingeführt wurde, war Kocherstetten Pilotschule. „Wir hatten damals E-Mail-Kontakt mit einer Schule in London und haben uns Präsentationen hin- und hergeschickt“, so die Rektorin. Damit zumindest Kleingruppen am PC arbeiten konnten, richtete sie den bisherigen Lehrerarbeitsraum dann zum „Mini-PC-Raum“ mit vier Computern her.

Ausstattung nach und nach verbessert

Jürgen Kendel unterstützt Schülerinnen am PC. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Das Kollegium erarbeitete ein Mediencurriculum für Klasse 1 bis 4 , welches zum Beispiel mit einem PC-Führerschein in Klasse 1 beginnt und noch heute das individualisierte Lernen in Lernbüros unterstützt. Das pädagogische Konzept überzeugte auch die Stadt Künzelsau, die das Vorhaben unterstützte und im Herbst 2010 die Kosten übernahm, als es darum ging aus den einzelnen PCs ein richtiges Schulnetz mit der pädagogischen Musterlösung paedML zu machen. Die Geräte selbst erhielt die Schule als Spende von lokalen Wirtschaftsunternehmen.

 

Der Schulnetzberater aus dem Kreismedienzentrum Winfried Wieland hatte darauf geachtet, dass es sich durchweg um baugleiche Rechner handelt. Acht Arbeitsplätze mit Laptops und Dockingstationen hatte der PC-Raum nun, 2012 wurde die Zahl der Schülerarbeitsplätze im PC-Raum auf zwölf erweitert. Die Außenstelle der Schule in Morsbach bekam ebenfalls vier Rechner. „Morsbach war jedoch von Anfang an ein Extra-Fall, weil es dort bis heute noch kein DSL gibt“, sagt Angelika Di Girolamo. Mit Lernprogrammen oder mit selbst erstellten Aufgaben (mit Hot Potatoes) lässt sich jedoch auch dort arbeiten.
Um all dies zu realisieren, wurde das Kollegium zuvor entsprechend fortgebildet.

Individualisiertes Lernen mit dem Computer im Lernbüro

Während der Lernbürostunde läuft entspannende Musik, was eine angenehme Arbeitsatmosphäre schafft. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Das Lernbüro ist in Kocherstetten eine schulweit übliche Form des individualisierten Lernens, die gerade im Hinblick auf den jahrgangsgemischten Unterricht interessant ist. Über den Zeitraum von einer Woche stehen den Kindern in gesonderten Lernbüro-Stunden verschiedene Freiarbeitsmaterialien in Deutsch und Mathematik zur Verfügung. Dabei gibt es einen Teil an Pflichtaufgaben, welche allerdings immer so bemessen sind, dass den Kindern noch Zeit für Wunschaufgaben bleibt. Dabei sind heute auch immer PC-Aufgaben enthalten.

 

An diesem Dienstagvormittag unterrichtet Steffen Gahm bei den Zweitklässlern. Die Kinder arbeiten selbständig an ihren Lernbüro-Materialien, von denen eine Aufgabe an den PCs zu erledigen ist. Es ist eine Übung zur Hunderterkette, die Gahm mit Open Office Impress selbst erstellt hat. „Wir probieren verschiedene Dinge aus und schauen, ob sie didaktisch Vorteile bringen“, so der Lehrer.


Da das Konzept des Lernbüros ein Arbeiten im Klassenzimmer vorsieht, entstand ein neuer Entwicklungsschritt und Gesprächsbedarf mit dem Träger bezüglich der technischen Ausstattung. Mittlerweile gibt es zusätzlich zum Computerraum in den Klassenräumen je zwei bis drei Rechner, die ins Schulnetz integriert sind. Im Vergleich zu früher sei das ein enormer Fortschritt, so Di Girolamo. Da habe es zwischen den verschiedenen Rechnern oft Probleme wegen verschiedener Softwareversionen z.B. bei PowerPoint gegeben, was natürlich zu Ärger geführt habe.

Der Weg zur Referenzgrundschule

Steffen Gahm kontrolliert Aufgaben der Viertklässler. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Im Schuljahr 2013/14 wurde die Schule dann zunächst Pilotschule im Grundschulprojekt des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ), wobei sie mit einem neuen Server ausgestattet wurde. Angeregt von Winfried Wieland hat sich die Schule dann Anfang 2015 um die Teilnahme am Referenzschulmodell beworben.

Steffen Gahm, der seit 2014 an der Schule unterrichtet, ist der Hauptansprechpartner in Sachen Medienbildung, gerade im Hinblick auf die kommenden Referenzschulaufgaben. „Als ich hierher kam, war der Medienentwicklungsplan schon sehr detailliert ausgearbeitet und umgesetzt. Als dann klar wurde, dass die Medienbildung im neuen Bildungsplan 2016  ein Schwerpunkt sein wird, haben wir geschaut: Was machen wir schon? Wie weit sind wir schon? Wo müssen wir noch was tun? Wir haben dann festgestellt, dass wir vor allem im Bereich Lernen über Medien noch etwas mehr machen müssten als bisher, zu Themen wie Jugendmedienschutz und Datenschutz etwa.“ Daraufhin wurden Bereiche wie Gefahren im Internet oder auch das Recht am eigenen Bild in das Mediencurriculum aufgenommen. Letzteres wird zum Beispiel anhand von Fotos der Kinder thematisiert, die dann im Schulnetz abgelegt und weiterverwendet werden.

Die Rechner in der Außenstelle Morsbach sind mangels DSL-Anbindung nicht ins Schulnetz integriert. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Als der damalige Schulnetzberater (SNB) des Hohenlohekreises, Wilfried Wieland, seine Unterstützung angeboten hat, ist Frau Di Girolamo darauf sofort eingestiegen. Mit großzügiger Unterstützung der Stadt Künzelsau, die die Kosten für die Verkabelung übernommen hat, wurde bis Herbst 2010 aus den einzelnen PCs ein richtiges Schulnetz mit der pädagogischen Musterlösung paedML. Die Geräte selbst erhielt die Schule als Spende von lokalen Wirtschaftsunternehmen. Wieland hat darauf geachtet, dass es sich durchweg um baugleiche Rechner handelt. Acht Arbeitsplätze mit Laptops und Dockingstationen hatte der PC-Raum nun, die Außenstelle in Morsbach bekam ebenfalls vier. „Morsbach war jedoch von Anfang an ein extra Fall, weil es dort bis heute noch kein DSL gibt.“ Mit Lernprogrammen oder mit Hot Potatoes selbst erstellten Aufgaben lässt sich jedoch auch dort arbeiten.

Hier arbeiten die Kinder in Morsbach an Aufgaben mit Hot Potatoes. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Auch hinsichtlich der Ausstattung befindet sich die Schule nach wie vor in einem Entwicklungsprozess. In Morsbach hätte man zumindest gerne eine intern vernetzte Lernumgebung. Momentan müssen die Rechner dort alle einzeln gewartet werden, was recht zeitaufwändig ist. In den Zimmern in Kocherstetten wünscht man sich noch mehr Computer. Steffen Gahm setzt die PCs häufig als Stationen im Lernbüro ein. „Da wären vier Rechner pro Klassenzimmer ideal, mit den zweien im Moment kommt es da manchmal schon zu Engpässen.“ Frau Di Girolamo ist optimistisch: „Das kriegen wir auch noch hin!“

An diesem Dienstagvormittag unterrichtet Gahm bei den Zweitklässlern. Die Kinder arbeiten selbständig an ihren Lernbüro-Materialien, von denen eine Aufgabe an den PCs zu erledigen ist. Es ist eine Übung zur Hunderterkette, die Gahm mit Open Office Impress selbst erstellt hat. „Wir probieren verschiedene Dinge aus und schauen, ob sie didaktisch Vorteile bringen“, so der Lehrer.

 

Übung zur Hunderterkette

PowerPoint-Präsentationen zur Stadtgeschichte

Im Lernbüro arbeiten die Kinder selbständig, mit und ohne PC. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Im Sachunterricht wird der PC häufig zur Recherche eingesetzt, in Deutsch häufig zur Produktion und Präsentation mit Office-Programmen. Es gebe aber durchaus Dinge, die seien mit Stift und Papier einfacher zu erledigen.

 

Angelika Di Girolamo etwa arbeitet mit ihrer Klasse derzeit an Herbst-Rondellen, Gedichten mit mehrmals wiederkehrenden Versen nach einem bestimmten Schema: „Da stellen die Kinder dann schnell fest, dass es einfacher ist, wenn sie den Vers kopieren und wieder einfügen. Außerdem können sie ganz einfach die Reihenfolge der Verse vertauschen.“

 

Besonders stolz ist sie auf die Präsentationen, die ihre Schülerinnen und Schüler anlässlich eines Besuchs im Künzelsauer Stadtmuseum erstellt haben. Über mehrere Wochen haben sie die stadtgeschichtliche Ausstellung aufgearbeitet und die Ergebnisse anschließend beim Schulfest präsentiert.

Lernen mit und über Medien: Trickfilme im Stil von Zach King

Kinder der vierten Klasse arbeiten im Computerraum an ihren Zauberfilmen. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Während sie dies berichtet, kommen die Schülerinnen und Schüler zum Nachmittagsunterricht. Im Fächerverbund Mensch-Natur-Kultur steht heute etwas Besonderes auf dem Programm: Zauberfilme. Angeregt von dem YouTube-Star Zach King produziert Steffen Gahm mit der Klasse Trickfilme. Am Montag wurden die Sequenzen gedreht, heute wird mit Windows Movie Maker geschnitten. Und es sind „echt richtig gute Sachen dabei“, so Gahm.

 

Der Einstieg ins Thema war ein Film von Zach King, in dem er mit einer Wasserbombe abgeworfen wird und plötzlich wird aus seinem roten Shirt ein grünes. „Wenn man die Kinder dann fragt, wie der das gemacht hat, dann heißt es: ‚Der hatte das grüne Shirt schon drunter!‘ oder ‚Der kann das halt!‘. Dass das einfach mit Videoschnitt geht, darauf kommen sie nicht. Hinterher sind sie dann ganz erstaunt, wenn sie das selber in drei Stunden so hinbekommen.“

Pullover-Trickfilm

Sofa-Trickfilm

Im Stil von Zach King verzaubern die Kinder Menschen und Gegenstände. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Der Medienpädagogische Berater vom Kreismedienzentrum Künzelsau Jürgen Kendel hält gerade solche Unterrichtsideen für besonders wichtig, weil sie die kritische Wahrnehmung von Medien fördern: „Die erzählen einem ja Stories. ‚Das ist so, ich hab das geseh’n“. Daher halte ich es für unumgänglich, dass man solche Tricks mit den Kindern mal macht, dass sie merken, dass man jede Realität im Grunde vorzaubern kann“, so der MPB, der selbst an einer benachbarten Schule in Künzelsau unterrichtet.

 

In der Tat können sich die Videos der Kinder sehen lassen: Ein Junge klatscht auf den Tisch und verwandelt sich in ein Mädchen, Kinder verschwinden beim Sprung aufs Sofa im Nichts. Am Ende der Doppelstunde werden die Filme vorgestellt und verglichen. Von manchen gibt es mehrere Versionen. In der Rückschau analysieren die Kinder mit geübtem Auge, wo man einen Schnitt noch hätte sauberer setzen können, um die Illusion perfekter zu machen. Es wird deutlich: Sie haben hier wirklich etwas gelernt. „Das ist gleichzeitig Lernen mit und Lernen über Medien“, so Gahm.

Im Flur sind Arbeiten der Computer-AG ausgestellt. Bild: Jiří Hönes/LMZ

Was an der Grundschule Kocherstetten sonst noch so alles passiert, können Sie im Internet nachverfolgen. Auf dem Portal Meine.Stimme hat Rektorin Di Girolamo eine Seite eingerichtet, auf der es laufend aktuelle Berichte aus dem Alltag der Schule zu lesen gibt. Im kommenden Frühjahr wird es den ersten Referenzschulnachmittag in Kocherstetten geben. Da sind alle interessierten Kolleginnen und Kollegen aus dem Hohenlohekreis herzlich eingeladen, sich vor Ort ein Bild von der Medienbildung in der Grundschule zu machen!

Grundschule, Lehrkräfte

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