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22.03.2016 | Anja Lochner

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ und Rechtsextremismus

Wie weit verbreitet sind rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft? Was versteht man unter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit? Was sind die Ursachen und was kann man dagegen tun? Um diese Fragen ging es im Vortrag von Prof. Dr. phil. habil. Kurt Möller von der Hochschule Esslingen, den er bei den Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik am 15. März 2016 in Stuttgart-Hohenheim hielt. Kurt Möller ist Autor des Gutachtens für den parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages von Baden-Württemberg.

Rechtsextremismus in der gesellschaftlichen Mitte

Prof. Dr. Kurt Möller; Bild: Annette Friderichs

Was kennzeichnet eine rechtsextreme Weltanschauung? Prof. Dr. Kurt Möller verwendet für die Definition folgende Formel: „REX = Uvo + Gak“. Das bedeutet: „Rechtsextremismus ist die Kopplung von Ungleichheitsvorstellungen bei gleichzeitiger Gewaltakzeptanz.“ Für die Ungleichheitsvorstellungen nennt Möller die Aspekte Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus bzw. Sozialdarwinismus, Nationalismus (übersteigertes Nationalgefühl) bzw. Chauvinismus, die Befürwortung einer autoritären Diktatur sowie die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Legt man diese Kriterien zugrunde, hegen laut einer 2014 veröffentlichten Studie (Decker u.a.) 3,6 Prozent der Deutschen in Ost und West rechtsextreme Einstellungen. „Aber müsste man diese Einstellungen nicht um Islam- und Muslimfeindlichkeit, Antiziganismus oder die Abwertung von Asylbewerbern ergänzen?“, fragt Möller. Die erschütternde Antwort: „Wenn man diese Ablehnungshaltungen miteinbezieht, liegt die Zustimmung teilweise bei über 50 Prozent in der Gesamtgesellschaft.“ Ebenfalls beunruhigend: „Die allgemeine Gewaltbereitschaft steigt.“

 

Ein Bewusstsein gibt es dafür oft nicht. Fast die Hälfte (43 Prozent) der Deutschen mit rechtsextremem Gedankengut würde sich selbst als politische Mitte definieren und nicht als rechtspopulistisch. Möller konstatiert: „Es gibt einen erheblichen braunen Bodensatz in unserer Gesellschaft.“ Daher müsse man, so Möller weiter, „den Diskurs erweitern im Hinblick auf die Mentalitäten, die sich übertragen von Eltern auf Kinder, von Lehrkräften auf Schülerinnen und Schüler“ usw. Er spricht auch vom „Eisbergsyndrom“. Rechtsextreme Wahlergebnisse und Straftaten seien lediglich die sichtbare Spitze, darunter verberge sich jedoch ein breiter gesellschaftlicher Konsens. „Das ist skandalös“, sagt Möller, „denn wir wissen das seit 30 Jahren, und wir reagieren nicht adäquat darauf in der Politik.“

Zentrale Begünstigungsfaktoren

Als zentrale Begünstigungsfaktoren für rechtsextreme oder menschenfeindliche Einstellungen, gerade bei Jugendlichen, nennt Möller „Kontrolllücken, Integrationsprobleme, Sinnlichkeitsbeschränkungen, Sinnvakua und auch Sozialkompetenz-Defizite“. Wenn Jugendliche sich beispielsweise „fremdbestimmt, als Spielball anderer Mächte“ fühlen, haben die Rechten mit Angeboten von vermeintlichen Kontrollmöglichkeiten leichtes Spiel: „Komm zu uns, da kontrollierst du selbst, wer neben dir sitzt oder mit wem du um die Lehrstelle konkurrierst!“ Ein anderes Problem sei es, wenn Jugendliche meinen, „dass die Realität ihnen nicht genug Integration bietet“ und sie sich so als Verlierer fühlen. Eine „Überintegration“ hingegen könne zu „Machismo oder nationalisierenden und religionisierenden Sichtweisen“ führen. Eine weitere Ursache sieht Möller im „Mangel an Lebensfreude“ und im Mangel an Sinn: „An mehreren Stellen im Leben wie z.B. Schule oder Betrieb erleben viele Jugendliche ‚Sinnlöcher‘, sie sehen keine Perspektive.“ Viele driften dabei ab in Drogenkonsum, Kriminalität – oder eben in den Rechtsextremismus.

Was tun?

Gegen diese Defizite empfiehlt Möller vor allem eins: „Lebensgestaltungsorienterung!“ Zu diesem Zweck hat er das sogenannte KISSeS-Modell entwickelt. Das Akronym KISSeS steht dabei für „Kontrolle, Integration, sinnliches Erleben, Sinnerfahrung, erfahrungsstrukturierende Repräsentationen und Selbst- und Sozialkompetenzen“. Die Idee dahinter: „Man muss Jugendliche gestaltungsfähig machen, sodass sie das Gefühl haben, Dinge aufbauen zu können, die ihnen selbst und der Gesellschaft nützlich sind.“

 

Unterrichtsideen, Links und weiterführende Informationen zum Rechtsextremismus in den Medien finden Sie in unserem Themenbereich Rechtsextremismus.

Außerschulische Pädagogik, Eltern, Extremismus, Lehrkräfte, Tagungsdokumentation

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