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11.05.2017 | Ina Mangold

Glotzen wo und wann man will: Streaming-Angebote auf dem Vormarsch

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Treffen um 20 Uhr vor dem Fernseher zur Tagesschau? Nicht mehr nötig. Streaming ist dabei, das lineare Fernsehen mit seinem festen Programm abzulösen. Auswahl und Flexibilität spielen hier eine Rolle, eine weitere Konkurrenz zum Fernsehen könnten möglicherweise Live-Übertragungen in Sozialen Netzwerken werden.

 

Seit 2011 ist die ist die Zahl der Sehminuten beim Fernsehkonsum relativ konstant: Auch 2016 verbrachten die deutschen Fernsehzuschauer/-innen im Schnitt 223 Minuten täglich vor dem Fernseher. Streamingangebote wachsen hingegen: Laut einer Studie von Goldmedia nutzen rund 24 Millionen Nutzer/-innen Video-on-Demand-Dienste. Vor allem junge Leute greifen vermehrt auf Mediatheken zurück.

 

In Deutschland sind die drei Streaming-Portale Amazon, Netflix und der Abrufdienst von Sky die beliebtesten Anbieter. Besonders im Serien-Geschäft mischen Amazon und Netflix mit: Die selbst produzierten Serien sind besonders beliebt. Serien wie „Orange is the new black, „House of Cards“ oder aktuell „13 reasons why“ sorgen regelmäßig für Gesprächsstoff, vor allem in Sozialen Netzwerken. Die Streaming-Portale bieten durch ihre zeitliche Unabhängigkeit einen Mehrwert, hinzu kommt die Bandbreite an angebotenen Filmen. Der Vorteil: Blockbuster und Serien wann und wo man will, in der Regel keine Wartezeit auf die nächste Folge, abwechslungsreiche Themen nach jedem Geschmack, Download von ausgewählten Titel zur Offline-Nutzung.

 

Das lineare Fernsehen versucht durch seine Mediatheken, die das Nachholen von Sendungen ermöglichen, ebenfalls Flexibilität zu ermöglichen – auch wenn viele Folgen und Filme aus rechtlichen Gründen nur für eine festgelegte Zeit verfügbar sind. Das ZDF bietet beispielsweise exklusive Premieren in seiner Mediathek an, bei denen die Zuschauer Folgen vor der TV-Veröffentlichung sehen können.

Plattformen rüsten auf

Eine Auswahl der Sender, die von YouTube TV gestreamt werden können. Screenshot von YouTube TV.

Besonders junge Leute schätzen diese Freiheit. Auf diesen Umstand setzen neben altbekannten Plattformen wie Sky nun auch Plattformen, die sonst auf das Internetgeschäft fixiert waren. YouTube ist schon seit längerem ein TV-Konkurrent: Durch die nie endende Masse an Content und die Förderung seiner YouTube-Stars liefert die Plattform seinen Zuschauerinnen und Zuschauern ständig alternative Inhalte zum Fernsehen und wirkt dabei durch seine Vlogger und YouTube-Persönlichkeiten nah am Nutzer. Bereits durch die Einführung von YouTube Red in Amerika (auch der deutsche Start ist geplant), das das Musik hören im Hintergrund und offline, Videos ohne Werbung und exklusive Serien und Filme von YouTubern produziert verspricht, greift YouTube nun aktiv in die Fernsehwelt ein. Vorerst nur in urbanen Gegenden wie unter anderem Chicago oder New York können Nutzer/-innen für 35 Dollar im Monat eine Vielzahl ausgewählter Fernsehsender streamen. Das Angebot ist jederzeit kündbar, alle Sendungen können aufgezeichnet werden. Das Umständliche: Um YouTube-TV auf dem Fernseher zu sehen wird Google Chromecast benötigt. Dabei könnte YouTube allenfalls von seinem guten Ruf und der bereits hohen Nutzerzahl punkten, denn andere Anbieter wie Roku oder PlayStation Vue haben in Sachen Content-Umfang die Nase vorne. 

Live mit mehr Authentizität

YouTube-Live wird von vielen Gamern genutzt, um ihre Abonnenten aktiver in einen Spielverlauf einbinden zu können. Screenshot aus YouTube.

Eine andere Fernsehalternative, die auf Sozialen Netzwerken immer mehr Anklang finden, sind Livestreams. Schon durch das Snapchat-System der Stories konnten Inhalte mit Live-Charakter, das heißt aktuelle Kurzbeiträge, mit Interessierten geteilt werden. 2014 sorgte die Streaming-Plattform YouNow für Aufsehen, die das Konsumieren von Live-Streams ohne vorherige Anmeldung ermöglicht. Mittlerweile wurde YouNow von der Konkurrenz abgehängt: Die Online-Riesen YouTube, Facebook und Instagram ermöglichen professionelle Live-Streams, die auch von Medienhäusern und Unternehmen gezielt eingesetzt werden.

 

Die Live-Funktion vermittelt neben dem Faktor der Aktualität auch mehr Authentizität. Wie bei der Übertragung eines Fußballspiels ist das Geschehen nur bedingt kontrollierbar und die Agierenden müssen unter Umständen spontaner reagieren. Dies soll häufig einen Blick hinter die Kulissen gewähren und so glaubwürdiger wirken. Diesen Effekt versuchen auch viele YouTuber zu nutzen, um einen noch tieferen Einblick in ihr Leben zu geben und mehr vermeintliche Nähe zu ihren Fans aufzubauen.

 

YouTube bietet gleich drei Möglichkeiten der Live-Übertragung an: Die einfachste Variante ist die Live-Übertragung mit dem Smartphone. Einmal freigeschalten kann ganz einfach ein Live-Stream gestartet werden. Datenschutzeinstellungen, Livechat, Altersbeschränkungen sowie die Offenlegung für bezahlte Werbung können optional festgelegt werden. Ein Stream wird nach dem Beenden im Kanal archiviert, wo die die Datenschutzeinstellungen nochmals geändert werden können. Die anderen beiden Optionen sind für das Streamen mit Desktop-Computern gedacht. Die einfache Version „Jetzt streamen“ ermöglicht Livestreams mittels Webcam, die Funktion „Events“ verlangt die Nutzung von Kameras und Audioquellen und bietet somit eine bessere Qualität. Allerdings wird für die beiden professionelleren Varianten eine weitere, sogenannte Encoder-Software benötigt, die den Livestream möglich macht. 

Professionelle Möglichkeiten

Beim ZDF-Live-Stream beantwortete YouTuber Christian Reinhard die Fragen der Zuschauer. Screenshot aus Facebook.

Besonders auf Facebook nutzen professionell aufgestellte Nutzer, wie Medienhäuser oder Vereine, die Live-Funktion. Mit der Live-Funktion hat FB den Video-Hype noch einmal verstärkt. Vor allem bei Veranstaltungen nutzen offizielle Seiten die Möglichkeit der Live-Übertragung: Fußballvereine wie der FC Bayern München zeigen direkt den Trainingsalltag, Sky fängt vor Sportveranstaltungen die Atmosphäre ein, das ZDF produziert Live-Streams zu Themenreihen aus dem Fernsehprogramm.

 

Dies wird von der Plattform auch gefördert: Ebenfalls durch Encoder-Software wird der Einsatz von professionellem Equipment ermöglicht. Live-Streams können eine Woche vorher angekündigt werden und als Erinnerung und Termin bei den Nutzerinnen und Nutzern angezeigt werden, dabei kann auch die Zielgruppe bestimmt werden. Ebenso bietet Facebook Tipps, wie ein erfolgreicher Livestream grundlegend aufgebaut sein kann. Denn Facebook möchte den Nutzer/-innen möglichst professionelle Inhalte bieten, auf die man in Echtzeit reagieren kann. So hat beispielsweise das ZDF für die Themenreihe #DeinD (kurz für Dein Deutschland) Livevideos integriert. Die Serie berichtete eine Woche lang aus dem Alltag der Deutschen und ermöglichte es dabei, den dargestellten Personen direkt Fragen zu stellen – ein Mehrwert zum normalen Fernsehen.

Daten- und Nutzerschutz

Natürlich kann jede/-r Nutzer/-in auch einen eigenen Livestream mit seinem Smartphone starten. Dabei kann im Voraus ausgewählt werden, wer das Live-Video sieht und ob nach dem Stream das Video gelöscht oder auf die eigene Timeline hochgeladen wird. Mit den richtigen Einstellungen können eigene Inhalte auf allen Plattformen einfach geschützt werden, was man über Live-Streams möglicherweise zu sehen bekommt, kann schwieriger zu beeinflussen sein. Streams können so auch zur Übertragung von gewalttätigen und nicht jugendfreien Inhalten missbraucht werden. In solchen Fällen sind Anbieter wie Facebook machtlos: Erst nachdem ein Live-Video gemeldet wird, wird es von Facebook geprüft. In diesem Fall kann dies also oft zu spät sein, selbst wenn die Videos nach dem Zeigen direkt verschwinden. 

Die Zukunft des bisherigen Fernsehens

Ziel der Live- und Streamingmöglichkeiten ist es den Nutzerinnen und Nutzern mehr Freiheiten zu geben. Und das sowohl beim Einblick in ein Thema (Authentizität durch Live-Videos) als auch bei der Auswahl von Filmen und Serien (Streaming-Dienste). Selbst beim Schauen der Tagesschau können die Nutzer/-innen den Zeitpunkt mittels Mediathek mittlerweile selbst wählen. Ein Zeichen, dass das bisherige Fernsehen ausläuft? Oder kann sich das Fernsehen an die Vorlieben der neuen Publikumsgeneration anpassen und neben Mediatheken neue Möglichkeiten schaffen? Klar ist: Streamingmöglichkeiten wachsen aktuell. Vielleicht wird es also in zehn Jahren kein reguläres Fernsehprogramm mehr geben. Dennoch: Auch YouTuber veröffentlichen ihre Videos nur einmal die Woche und erzielen damit das sogenannte Aboboxcamping - das, durch das ständige Neuladen einer Seite, aktive Warten auf das angekündigte, jeden Moment erscheinende Video. So anders sind die Gewohnheiten der neuen Generation also vielleicht doch nicht.

 

Weitere Informationen zum Thema Fernsehen finden Sie hier.

Eltern, Fernsehen, Film, Lehrkräfte, Video

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