MediaCulture-Online Blog

04.07.2017 | Stephanie Wössner

Medienbildung im europäischen Kontext

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Dass Medienbildung zum Bildungskanon einer Gesellschaft, die sich in der digitalen Transformation befindet, gehören muss, ist unumstritten. Doch während sie in Ländern wir Australien und Amerika bereits zum Alltag gehört, nimmt sie in den europäischen Bildungsplänen erst seit wenigen Jahren einen verbindlichen Platz ein und ist in den Schulen bisher nur teilweise angekommen. Bei einem Studientag zum Thema „Medienbildung im internationalen Vergleich“ an der Universität von Mulhouse ging es vor Kurzem darum, wie in den benachbarten Ländern Deutschland, Frankreich und der Schweiz mit diesem Thema umgegangen wird und welche Erkenntnisse man daraus ableiten kann.

Medienbildung in Frankreich

Brigitte Simonnot von der Universität Lothringen wies auf die momentanen Schwierigkeiten hin, neue wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Bildungslandschaft in Einklang zu bringen.


Seit 2013 ist Medienbildung verbindlich in den Bildungsplänen der Grundschule und den weiterführenden Schulen (dem französischen „Collège“, einer Art Gesamtschule, die mit der 9. Klasse allen französischen Kindern nach einer Abschlussprüfung einen Schulabschluss bescheinigt) verankert. Seit der Bildungsplanreform von 2016 gehören auch Informationskompetenz, Datenschutz, Medienproduktion und die Zusammenarbeit mit Hilfe von digitalen Medien fest dazu. Die Mediennutzung soll anfangs noch angeleitet werden, im Laufe der Schulzeit aber progressiv immer autonomer werden. Dabei geht es um die vier Teilkompetenzen Lesen, Suchen, Organisieren und Produzieren. Geschuldet, so Simonnot, sei dieses Umdenken der zunehmenden Bedeutung des Internets als Medium sowie der sozialen Netzwerke im Leben der heutigen Jugend. Das Ziel dieser Bildungsplanreform sei es, mündige und verantwortungsbewusste Bürger/-innen auszubilden.
Allerdings gebe es einige konzeptionelle Probleme bei der Umsetzung dieser Reformen. So sei bisher noch nicht eindeutig geklärt, was man unter den Begriffen „Informationen“ und „Medien“ zu verstehen habe.


In Punkto Information müsse man sich zunächst einmal darüber im Klaren sein, dass es nicht nur darum ging, Schülerinnen und Schülern beizubringen, wie man gängige Medien benutzt. Des Weiteren gehe man nach wie vor von der Objektivität des durch Medien vermittelten Wissens aus, auf dessen Basis man Neues erschaffen könne. Schließlich könne man in der heutigen Welt nicht mehr nur starre Methoden vermitteln, die davon ausgingen, dass man ein Thema einführt, den Schülerinnen und Schülern eine Auswahl an Materialien zur Verfügung stellt, die sie dann erkunden, um darauf basierend eine Hypothese zu formulieren, weitere Informationen zu sammeln und die Ergebnisse präsentieren.


Vielmehr gehe es darum, auch das Wissen über Medien und ihre Funktionsprinzipien zu integrieren, die Subjektivität von Informationen im Technologiezeitalter anzuerkennen und auch das informelle Lernen, zufällige Funde (Serendipität) und die Notwendigkeit, sich im Datendschungel zurechtzufinden und relevante Informationen aufzuspüren als Teil des schulischen Lernens zu fördern. Mit anderen Worten: die Schule muss sich wegbewegen von einer starren Konzeption des (Auswendig)Lernens von Wissen und hin zu einem personalisierten, dynamischen, prozessorientierten Lernerlebnis mit Gegenwartsbezug.  

 

Hinsichtlich der Definition des Medienbegriffs müsse neben der rein technischen Komponente auch der subjektiven, sinnbildendenden Seite von Informationen Rechnung getragen werden. Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass digitale Medien zur Kommunikation genutzt werden, womit sie Teil der Beziehungsstrukturen von Individuen seien und zugleich durch ihren sozialen Charakter auch die Gesellschaft beeinflussten. Schließlich sei auch der wirtschaftliche Faktor der Medien nicht zu vernachlässigen.


Folglich müsse man von einer rein wissenschaftlichen Orientierung der Medienbildung übergehen zu Fragen der Medienrezeption und ihrer Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft. Mediennutzung dürfe kein Selbstzweck mehr sein, sondern die Erziehung der Jugendlichen zu verantwortungsbewussten und mündigen Mitgliedern der Gesellschaft müsse im Mittelpunkt stehen. Dabei dürfen auch Fragen nach der Funktionsweise von Medien mit Hilfe von Algorithmen nicht ausgeklammert werden.


Notwendig hierzu sein jedoch ein Umdenken auch in der Lehreraus- und fortbildung, sodass die Bedeutung der Medien für die heutige Jugend nicht vernachlässigt werde, damit Begriffe wie „Filterblase“, „Fakenews“ und „Hatespeech“ keine Fremdwörter mehr für Lehrkräfte seien und um sicherzustellen, dass Lehrkräfte die Verantwortung übernehmen, die sie qua Amt innehätten, anstatt Medien aus der Ferne zu verteufeln.

Positivbeispiel: Medienbildung an landwirtschaftlich orientierten Schulen in Frankreich

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Die landwirtschaftlich orientierten Schulen in Frankreich gehören zum öffentlichen Bildungssystem in Frankreich und sind neben dem Bildungsministerium auch dem Landwirtschaftsministerium unterstellt. Schüler/-innen können sich dort ab der 8. Klasse auf Berufe vorbereiten, die im weitesten Sinne mit der Landwirtschaft zu tun haben. Die Abschlüsse reichen von beruflichen Abschlüssen (z.B. Landschaftsgestaltung) über die Ausbildung zum Tierarzt bis hin zur Doktorandenlaufbahn.


Sabine Bosler, Doktorandin im Bereich digitale Medien an der Universität von Mulhouse, berichtete sehr eindrücklich davon, wie sich die landwirtschaftlich orientierten Schulen, die sich im Schatten der allgemeinbildenden Schulen bewegen, in Punkto Medienbildung hervortun.


Basierend auf einem reformpädagogischen Ansatz sind die landwirtschaftlich orientierten Schulen in Frankreich weitaus flexibler als ihre allgemeinbildenden Pendants. Während an den allgemeinbildenden Schulen die Lebensrealität der Schüler/-innen den Bildungsinhalten diametral entgegenstand und teilweise noch steht, wurde ab der Jahrtausendwende im landwirtschaftlichen Sektor Medienbildung als wichtig erachtet und bewegt sich nun in der Zeit der digitalen Transformation weg von einer reinen Informationsorientierung und hin zu einer umfassenden Medienbildung, die den Lernenden als Akteur seines Lernens in fächerübergreifender Projektarbeit versteht. Dabei wird Wert gelegt auf den unmittelbaren Realitätsbezug, d.h. Kontakt zur Außenwelt und die Nutzung realweltlicher Daten und für die/den Schüler/-in relevanter Themen.
Die Relevanz des schulischen Lernens für die Schüler/-innen und ihre berufliche Zukunft wird also in den Vordergrund gerückt, wobei Motivation ein wichtiger Schlüsselbegriff ist. Bei der Medienbildung geht es sowohl um Informatik, als auch um die Beziehung zwischen Medien und Gesellschaft und die Informationskompetenz zum Zweck der Dokumentation. Lehrkräfte und Schüler/-innen befinden sich auf Augenhöhe, weil sich die Lehrkräfte zugleich als Lernbegleiter verstehen.


Ein konkretes Beispiel für die Arbeitsweise: Ein/e Schüler/-in bringt Verkaufszahlen aus seinem Praktikumsbetrieb mit, die sie/er mit der Geographielehrkraft kartografisch aufbereitet und mit der Lehrkraft für Rechnungswesen mit Hilfe einer Tabellenkalkulationssoftware analysiert. Anschließend erstellt sie/er eine Dokumentation der so gewonnenen Erkenntnisse, die für den Praktikumsbetrieb relevant ist.

Die Bildungspläne dieses Schulsystems sind in verschiedenen Punkten innovativ: So erscheint das Wort „Schutz“ an keiner Stelle in den Lehrplänen, denn es geht darum, eigenständig zu denken und Medien zu verstehen. Außerdem sind alle drei Teilbereiche der Medienbildung – die Informatik, die Informationskompetenz und der gesellschaftliche Bezug – verbindlicher Teil des Stundenplans der Schüler/-innen. Keine Lehrkraft ist verpflichtet, fächerübergreifend zu arbeiten, aber wenn es sich thematisch anbietet, wird dies empfohlen. Medienkompetenz wird des Weiteren nicht als Selbstzweck verstanden, sondern ist relevant für das Erreichen des Bildungsabschlusses, der sowohl auf der Überprüfung von Kompetenzen als auch von Wissen beruht. Schließlich werden im landwirtschaftlich orientierten Bildungssystem anders als im Rest der öffentlichen Schulen nicht bestimmte Fächer „heiliggesprochen“ sondern alle Fächer gelten als gleichberechtigt.  


Der Erfolg dieses Schulsystems, welches sich auch dadurch auszeichnet, dass ein Großteil der Absolventen nach ihrem Abschluss eine Stelle findet, beruht laut Bosler darauf, dass Medienbildung ein offizieller und verbindlicher Teil der Bildungspläne ist und konkret dafür Stunden in den Stundentafeln ausgewiesen werden. Des Weiteren werden entsprechende Geldmittel dafür zugewiesen, bei den Lehrkräften handelt es sich um kompetentes Fachpersonal und innerhalb der Schulen wird fächerübergreifend gearbeitet und es herrscht ganz allgemein eine Offenheit gegenüber anderen Fächern, die es in der öffentlichen Schule so nicht gibt. Jedoch seien diese Erkenntnisse nur schwer auf das restliche öffentliche Schulsystem übertragbar, da dort nach wie vor bestimmte Fächer zum Bildungskanon gehören und es sich um eine andere Bildungskultur handle als in landwirtschaftlich geprägten Gegenden. Zudem habe das landwirtschaftlich orientierte Schulsystem eine gewisse Narrenfreiheit, weil es kleiner und unsichtbarer sei.

Medienbildung in der Schweiz

Florence Quinche von der Pädagogischen Hochschule Vaud (Kanton Waadt) berichtete über Medienbildung in den deutsch- und französischsprachigen Schulsystemen der Schweiz.


Deutschsprachige Schweiz
In der deutschsprachigen Schweiz wurde 2014 der Lehrplan 21 entworfen, der erste gemeinsame Lehrplan für die Volksschulen aller 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone.

Es ging bei dieser Initiative darum, die Ziele der Schule zu harmonisieren ohne kantonale Unterschiede auszuschließen. Im Bereich der Medienbildung sieht der Lehrplan 21 zwei Schwerpunkte vor: die Medienerziehung und die Informatik.


Medienerziehung
1.    Orientierung und Verhalten in realer und virtueller Umwelt
2.    Informationskompetenz (Verstehen, Reflexion, Nutzung)
3.    Produktion und Publikation
4.    Interaktive Nutzung, Kommunikation, Kooperation


Informatik
1.    Daten darstellen, strukturieren und auswerten (lebensweltlicher Bezug)
2.    Analyse von Problemstellungen, Lösungsvorschläge und Umsetzung der Lösungen
3.    Datensicherheit und Funktion von informationsverarbeitenden Systemen


Nach der Ankündigung der neuen Lehrpläne wurde schnell Kritik an der geplanten Reform laut und es wurden Volksentscheide gefordert. Die angestrebte Lehrplanreform, so Kritiker, schade der Qualität der Bildung, vor allem auch deshalb, weil sie einen Paradigmenwechsel hin zur Kompetenzorientierung bedeute. Die Kenntnisse der Schüler/-innen in den Fächern Deutsch und Mathematik seien bereits jetzt schon katastrophal. Bemängelt wurde u.a., dass keine klaren Jahresziele formuliert seien, dass Lehrkräfte zu Coaches degradiert werden, die angestrebte Autonomie der Lernenden zu einer Desorientierung führe und zu viele Sprachen bereits in der Grundschule zu einer Überbelastung der Kinder führe. Doch trotz der Gegner haben sich mittlerweile die meisten Kantone für den Lehrplan ausgesprochen.

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Französischsprachige Schweiz
In den Lehrplänen der französischsprachigen Schweiz wird Medienerziehung als Teil verschiedener Fächer und fächerübergreifender Kompetenzen, sowie unter dem Begriff MITIC (Médias, Images et Technologies de l’Information et de la Communication, dt: Medien, Bilder und Informations- und Kommunikationstechnologie) als ein fester und verbindlich ausgewiesener Bestandteil der Allgemeinbildung angesehen.

Dabei geht es also sowohl um die technische Seite der Medien, als auch um Informationskompetenz, Medienproduktion und Kommunikation. Immer wieder wird in den entsprechenden Lehrplänen darauf verwiesen, dass Medien ein Bestandteil der Lebenswelt der Schüler/-innen und schon allein deshalb für die Gesellschaft relevant sind. Programmieren und Robotik sind nicht explizit erwähnt, aber sie tauchen als Vertiefungsmöglichkeit in verschiedenen Bereichen auf.


Sowohl in der Lehreraus- als auch in der Lehrerfortbildung seien diese Inhalte mittlerweile zumindest theoretisch angekommen. So werden Bachelor- und Masterstudenten für die Planung und Durchführung von digitalen Unterrichtsszenarien ausgebildet, aber auch dahingehend geschult, dass sie digitale Medien zur Unterrichtsorganisation sowie zu ihrer beruflichen Weiterentwicklung nutzen können. Die Medienproduktion wird dabei als ein Mittel angesehen, seine Meinung auszudrücken und über ein relevantes Thema zu kommunizieren. Dies dürfe interdisziplinär geschehen und reiche von der Konzeption des Medienproduktes bis hin zu dessen Produktion. Auch gehe es in verschiedenen Veranstaltungen um die Nutzung von Algorithmen, um Animationen selbst zu programmieren, um die Inszenierung von Texten, um eBooks und Videospiele in Verbindung mit Programmierkenntnissen (z.B. Scratch). Die Lehrerfortbildung sehe ähnliche Inhalt vor, jedoch im Rahmen einzelner, kürzerer Module.


Doch in der Praxis zeichne sich ein anderes Bild: So habe eine Umfrage bei Studenten zwischen 19 und 22 im Jahre 2015 ernüchternde Ergebnisse im Hinblick auf Medienbildung zutage gebracht. Über 60% der Befragten gaben an, dass es in ihrer Ausbildung vor allem um die Mediennutzung als Unterrichtswerkzeuge und die technischen Aspekte von Medien gehe. 25% sprachen davon, dass Jugendmedienschutz und die Fähigkeit, kritisch mit Medien umzugehen, angesprochen wurden. Doch nur jeweils 7% berichteten, dass sie gelernt hätten, dass es bei der Medienbildung darum gehe, Medien zu kennen und zu verstehen und die Welt zu verstehen. Lediglich 0,5% waren dahingehend orientiert, dass es bei der Medienbildung darum gehe, in den Schulen mündige Bürger zu erziehen. In ihrer eigenen Schulzeit sei es vor allem (60%) um die Analyse von Filmen, Bildern und von Presseartikeln gegangen, in geringeren Anteilen um Urheberrecht (24%) und die Medienproduktion in Form von Filmen, Blogeinträgen und PowerPoint-Präsentationen (20%). Noch weniger der Befragten gaben an, in ihrer Schulzeit Comics, Musik, Inhalte für YouTube, Fotogalerien, Animationen oder Podcasts erstellt zu haben. Die Kollaboration mit Hilfe von Medien, z.B. in Form von Wikis, sei überhaupt nicht erwähnt worden.

Um dieser Diskrepanz zwischen den der Lehreraus- und -fortbildung zugrundeliegenden Ideen und der Praxis auszugleichen, gibt es mittlerweile eine Anzahl an Internetplattformen, die versuchen, den Lehrkräften Hilfestellung an die Hand zu geben.

 

  • Educa: Eine mehrsprachige Plattform zur Medienbildung in der Schule, bei der es vor allem um die Qualitätsentwicklung an Schulen geht
  • E-Media: Hier gibt es konkrete Materialien zur Medienbildung und zum Lernen über Medien auf Französisch. Eine Suche basierend auf dem Lehrplan ist möglich.
  • RTS-Découverte: Eine weitere Anlaufstelle für Unterrichtsvorschläge zur Medienbildung auf Französisch. Der Fokus liegt auf den Themen Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und eine Suche nach zum Lehrplan passenden Einheiten ist möglich
  • Scolcast: eine Plattform für Podcasts, die von Schülerinnen und Schülern produziert werden
  • Interface sciences-société (Universität Lausanne): Materialien und Events, die den Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft fördern

Unterstützungsangebote des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg

Abschließend berichtete ich selbst als Vertreterin des Landesmedienzentrums von unseren Initiativen, die Lehrkräfte und außerschulisch tätige Medienpädagog(-inn)en in Baden-Württemberg dabei unterstützen sollen, Medienbildung in der Jugendarbeit zu betreiben. Erwähnt wurden in diesem Zusammenhang neben unserem gesetzlichen Auftrag die SESAM-Mediathek mit ihren vielfältigen Unterrichtsmodulen, die verschiedenen Programme (101 Schulen, SMEP, Ohrenspitzer, SchulKinoWoche …), unsere Beratungsangebote (Medienpädagogische Beratungsstelle, Medienentwicklungsplan …), die pädagogische Musterlösung, sowie unsere umfassende Webseite mit weiteren Unterrichtsmaterialien (z.B. zum Basiskurs Medienbildung), Informationen zu medienrelevanten Themen, dem MediaCulture-Online-Blog und Referenzschulprojektberichten.

Lehrkräfte, Medienbildung, Tagungsdokumentation

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