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17.05.2017 | Alexandra Gaida-Steingaß

Medienkompetenz von Kindern stärken – Interview mit LMZ-Referentin Filiz Tokat

Die medienpädagogische Referentin Filiz Tokat vermittelt in ihren Seminaren wertvolles Wissen und wichtige Tipps zum Thema Medienumgang und Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Zu ihren Auftraggebern zählen unter anderem das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ), Stadtbibliotheken und Volkshochschulen. Filiz Tokat legt aktuell ihren Bachelor in Bildungswissenschaften ab.

Das Interview mit Filiz Tokat erschien ursprünglich bei Mama im Ländle. Der regionale Familienblog und wurde geführt von Redakteurin Alexandra Gaida-Steingaß.

Liebe Frau Tokat, bereits in Grundschulen geht es häufig schon darum, wer wann ein eigenes Handy bekommt. Wie sehen die Tipps von Experten zu diesem Thema aus?

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

In der aktuellsten KIM-Studie hat sich herausgestellt, dass 71 Prozent der 10- und 11-jährigen Kinder schon ein eigenes Mobiltelefon besitzen. Das ist etwa das Alter, in dem sie auf die weiterführende Schule wechseln. Ein eigenes Mobiltelefon muss aber nicht gleich ein Smartphone sein. Manche Kinder bekommen auch „nur“ ein Tastentelefon. Pauschale Empfehlungen kann man hier nicht aussprechen. Es kommt auf die mentale Reife des Kindes und auf die individuelle Familiensituation an. Wichtig ist nur – wenn Eltern sich für die internetfähige Lösung entscheiden – das Kind bei der Nutzung zu begleiten. Auch kann man gewisse Vorkehrungen treffen, wie beispielsweise die In-App-Käufe sperren, damit kein versehentlicher Kauf getätigt werden kann. Auf der Internetseite www.schau-hin.info gibt es ausführliche Sicherheitshinweise für iOS und auch Android-Geräte. Wichtig sind neben den Sicherheitseinstellungen auch gemeinsame Absprachen und Regeln für die Nutzung der Geräte. Auch möchte ich an die Vorbildfunktion der Eltern appellieren. Es ist einfacher, einem Kind zu erklären, dass das Handy am Esstisch nichts verloren hat, wenn man sich als Elternteil ebenso daran hält.

Sehe ich es falsch, wenn ich der Meinung bin, dass ein Kindergarten- oder Grundschulkind mehr über die Natur lernt, wenn es in den Wald geht, anstatt eine App zu benutzen oder vor einem elektronischen Bilderbuch zu sitzen?

Ein Waldspaziergang, bei dem das Kind bewusst die Natur ohne elektronische Ablenkung mit all seinen Sinnen erlebt und dann zu Hause anhand einer guten Kinder-App oder einem elektronischen Bilderbuch das Naturerleben intensiviert und nachbereitet, das wäre das Ideal dieses Beispiels. Denn wie ist es, wenn wir Erwachsene etwas Interessantes entdecken? Wenn wir mehr Details haben oder unser Wissen vertiefen möchten, greifen wir zu unserem Smartphone und versorgen uns mit den Informationen, die uns fehlen. Das kann man in solchen Situationen mit den Kindern ebenso machen und ihr Wissen vertiefen. Somit ist ein Tablet oder Smartphone nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch eine Informationsquelle für das Kind.

Früher ging es primär um die Frage, wie viel Fernsehen ein Kind schauen sollte. Heute geht es neben dem Fernsehkonsum um Computerspiele und die Nutzung Sozialer Netzwerke. Gibt es Richtwerte, ab welchem Alter Computerspiele für Kinder in Ordnung sind?

Auf dem Markt gibt es sehr viele verschiedene Computerspiele. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) prüft und alterskennzeichnet Computerspiele. Weitere Informationen gibt es auch auf der Internetseite www.spieleratgeber-nrw.de, wo Spiele pädagogisch beurteilt werden. Ein Blick auf diese Seite ist wirklich lohnenswert. Ich empfehle Eltern, sich an diese Kennzeichnung zu halten und ihren Kindern die Spiele zur Verfügung zu stellen, die ihrem Alter entsprechen. Es gibt wirklich tolle Spiele für Kinder. Spielen Sie einfach mal mit und lassen Sie sich zeigen, für was sich Ihr Kind begeistert. Auch als Eltern sollte man in erster Linie offen sein für Neues. Das erwarten wir ja auch von unseren Kindern.

Welche Zeitvorgaben für die Mediennutzung sind realistisch?

Feste Zeitvorgaben zu geben, ist schwierig. Hier kommt es auf darauf an, was macht das Kind? Recherchiert es für die Schule oder ist es interessiert an Themen, über die es sich vorher informiert hat? Wie das Kind genau die Medien nutzt, ist auch ein Aspekt, den man berücksichtigen muss. Es gibt natürlich hier Empfehlungen pro Lebensalter. Wie beispielsweise ab fünf Jahren eine halbe Stunde am Tag (siehe Empfehlungen bei www.schau-hin.info). Eine Möglichkeit ist, Kindern ein wöchentliches Kontingent an „Medientickets“ zuzuteilen, die über die Woche verteilt verbrauchen werden können. Diese Medientickets kann man auch gemeinsam basteln und dadurch die Kinder thematisch besser an Bord holen. Unter www.mediennutzungsvertrag.de kann man auch einen individuellen Mediennutzungsvertrag für die Familie erstellen. Je klarer die Regeln, umso besser sind sie einzuhalten.

Viele Teenager sind bei Facebook, Snapchat oder auf Instagram registriert. Ab welchem Alter sollten wir Eltern überhaupt erlauben, dass sich unsere Kinder beispielsweise auf Facebook anmelden? Über welche Risiken müssen wir sie aufklären?

Das Mindestalter bei Facebook ist 13 Jahre. Es gibt für Minderjährige einen Minderjährigen-Schutz auf Facebook, ihr Account ist automatisch nicht öffentlich. Trotzdem würde ich die Sicherheitseinstellungen auf Facebook checken. Diese sind kompliziert. Deshalb empfehle ich, bei der Erstellung des Accounts dem Kind zur Seite zu stehen. Bitte sprechen Sie mit ihren Kindern über das Veröffentlichen von Fotos und über Urheberrechte. Bilder, die in der Zukunft peinlich sein könnten, sollten nicht veröffentlicht werden. Ebenso auch Bilder von anderen Personen, die ohne Einverständnis nicht veröffentlicht werden dürfen. Auch ist schnell ein fieser Kommentar geschrieben, der einen anderen verletzt. Der Umgang in Sozialen Netzwerken muss dringend in der Familie thematisiert werden, bevor das Kind aktiv seinen Account nutzt. Hierfür werden wir Referenten auch oft in Schulen eingeladen und sprechen über dieses Thema in den Klassen. Je mehr die Kinder über Risiken, Gefahren aber auch Chancen aufgeklärt werden, desto besser können sie mit ihnen umgehen.

Zum Thema Cybermobbing: Kinder bzw. Jugendliche werden in den sozialen Netzwerken beleidigt und gemobbt. Wie können wir Eltern unterstützen, wenn unser Kind digital gemobbt wird? Welche rechtlichen Schritte sind hier unter Umständen möglich?

Von Mobbing spricht man, wenn jemand über einen längeren Zeitraum immer wieder von einer oder mehreren Personen schikaniert wird. Cybermobbing hat die zusätzliche Eigenschaft, dass über das Netz schnell große Personenkreise erreicht werden. Beleidigende Inhalte verschwinden zu lassen, ist schwierig, denn das Netz vergisst nicht. In schlimmen Fällen ist das Kind sieben Tage lang 24 Stunden Mobbing ausgesetzt, weil sein Umfeld digital vernetzt ist. Das Kind kann diese schlimme Situation nicht alleine beenden, es braucht Hilfe. Wenn sich Ihr Kind Ihnen anvertraut, müssen sie ihm unbedingt mit Verständnis und Rat und Tat zur Seite stehen. Da es für Cybermobbing in Deutschland kein eigenes Strafgesetz gibt, aber es durchaus möglich ist, rechtlich gegen Täter vorzugehen, rate ich, sich anwaltlich beraten zu lassen und eventuell eine Unterlassungserklärung in Auftrag zu geben. Ebenso können sie vom Seitenbetreiber verlangen, dass unangemessene Inhalte gelöscht werden. Leider geschieht das nicht immer und auch nicht gleich, was für den Betroffenen sehr mühsam und belastend ist. Es empfiehlt sich auch, das Thema Cybermobbing pädagogisch in der Schule anzugehen, so dass gemeinsam eine Lösung gefunden werden kann. Auch können Sie Strafanzeige stellen, zum Beispiel wegen Beleidigung oder übler Nachrede/Verleumdung. Cybermobbing ist ein sehr sensibles Thema und sollte stets unverzüglich und mit allem Nachdruck, aber dennoch im Sinne der beteiligten Kinder, in Angriff genommen werden.

Gibt es abschließende Tipps, die Sie als Medienexpertin uns Eltern an die Hand geben können?

Begleiten Sie Ihre Kinder, wie damals beim Laufenlernen. Man stützt sie und hält sie so lange an der Hand, bis sie eigenständig gehen können. Und ebenso ist es bei der Mediennutzung. Stützen und halten Sie ihr Kind, bis es kompetent genug ist, selbst verantwortungsbewusst damit umzugehen. Wenn Sie unsicher sind oder merken, Sie möchten mehr über Mediennutzung und Medienkompetenz erfahren, lassen Sie sich beraten. Dafür können Sie sich beispielsweise an die Medienpädagogische Beratungsstelle des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg wenden (Telefon 0711 2850-777). Auf der Internetseite des Landesmedienzentrums www.lmz-bw.de gibt es einen Kalender mit Anmeldefunktion, der über Veranstaltungen für Eltern zum Thema Mediennutzung informiert.

 

Weitere Informationen zur Medienerziehung finden Sie in unserem Elternbereich. Unser Eltern-Medienmentoren-Programm (EMM) unterstützt Eltern bei der Medienerziehung in der Familie.

Eltern, Interview, Jugendmedienschutz, Smartphone / Tablet, Soziale Netzwerke

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