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26.02.2018 | Ina Mangold

Ist Internetsucht wirklich eine Krankheit? – Eine Bestandsaufnahme

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte Onlinespielesucht als Krankheit in ihre Register aufnehmen. Für viele klingt das logisch – schließlich sind Jugendliche gefühlt ständig online. Außerdem wollen Studien die Internetsucht wissenschaftlich belegen, es gibt aber auch kritische Stimmen. Ein Überblick über Gaming Disorder, Studien und Expertenmeinungen.

Es war immer wieder Thema der gesellschaftlichen Debatte: Können Jugendliche süchtig nach Internet, Online-Games und Smartphones werden? 2016 machte die Bundesbeauftragte für Drogen Marlene Mortler Mediensucht zu ihrem Jahresthema. Auch in der fünften Auflage des „Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM-5), ein maßgebendes Klassifikationssystem zur Definition und Diagnostik von psychischen Erkrankungen, wird mehr Forschung über das Thema Gaming Disorder gefordert. Dazu legten die Wissenschaftler des DSM-5 Kriterien für eine mögliche Internetspielesucht fest.

Fünf Indizien einer Onlinespielesucht

Wenn fünf oder mehr der folgenden Symptome über eine Periode von zwölf Monaten zutreffen, liegt laut DSM-5 eine Gaming Disorder vor:

  • Dauernde Beschäftigung mit Internet- bzw. Online-Spielen
  • Entzugssymptome, wenn nicht gespielt werden kann, zum Beispiel Unruhe, Gereiztheit
  • Toleranzentwicklung: Bedürfnis, immer mehr zu spielen
  • Kontrollverlust: Versuche, weniger oder nicht zu spielen, missglücken 
  • Verlust des Interesses an früheren Hobbys oder anderen Aktivitäten 
  • Täuschung von Familienmitgliedern, Therapeuten oder anderen Personen über das wirkliche Ausmaß des Online-Spielens
  • Gebrauch der Online-Spiele, um negativen Emotionen (zum Beispiel Hilflosigkeit, Ängstlichkeit) zu entkommen
  • Gefährdung oder Verlust von Beziehungen, Arbeit oder Ausbildung wegen des Online-Spielens 
  • exzessives Online-Spielen trotz des Wissens um die psychosozialen Probleme

Erkennt die WHO Gaming Disorder an?

Schon bald könnte die Gaming Disorder als offizielle Krankheit anerkannt werden. Bild: Screenshot WHO

Nun möchte die Weltgesundheitsorganisation nachziehen: In einem vorläufigen Entwurf ihres internationalen Klassifikationssystems für Krankheiten (ICD), einer Art Krankheiten-Katalog, wurde die Gaming Disorder jüngst aufgenommen. Die offizielle Version des ICD soll Mitte dieses Jahres erscheinen. Vorläufig handelt es sich laut ICD um Internetspielesucht, wenn das Spieleverhalten beharrlich oder wiederkehrend folgende Faktoren beinhaltet:

  • Kontrollverlust über Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung und Zusammenhang des Spielens
  • Priorisierung des Spielens über alltägliche Interessen und tägliche Aktivitäten
  • Weiterspielen oder Steigerung des Spielens trotz negativer Konsequenzen

Dabei beeinträchtige das Verhaltensmuster persönliche, familiäre, schulische oder andere Bereiche des Lebens. Eine Diagnose könne im Normalfall erst nach einem Zeitraum von zwölf Monaten gestellt werden, bei starkem Auftreten aller Symptome könne dieser Zeitraum verkürzt werden.

Was ist eine normale Medien-Nutzungsdauer?

Die Definition der neuen Krankheit ist (bis jetzt) nur auf das Gaming bezogen. Unter Expertinnen und Experten und in der Politik werden weitere Ausprägungen der Internetsucht diskutiert. Beispielsweise die Social-Media-Sucht oder die Online-Kaufsucht gelten als mögliche, aber wenig erforschte Krankheitsbilder. Ebenso läuft im Alltag viel zwingend über Internet und Smartphones ab, sodass eine normale Mediennutzung nur schwer zu definieren ist. Ist Internetsucht also ein Grundsatzproblem, das überdurchschnittlich oft vorkommt, oder, wie einige andere Suchtbilder, einen kleinen Teil der Menschen betrifft?

 

Aktuell gibt es im deutschen Raum zwei vielzitierte Studien. Die Studie „Game over: Wie abhängig machen Computerspiele?“ der Krankenkasse DAK untersuchte nach dem Symptomenkatalog der DSM-5 die Computerspielabhängigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Blikk-Studie von Kinder- und Jugendärzten mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit untersuchte die gesundheitlichen Risiken in Zusammenhang mit Medienkonsum.

„Game over“-Studie

Bild: Eigene Darstellung

Laut der DAK-Studie, die die oben aufgelisteten Symptome des DSM-5 abfragte, ist jeder zwölfte Junge (8,4 Prozent) süchtig nach Computerspielen. Mit 2,9 Prozent liegt der Wert bei den Mädchen niedriger. Viele Befragte gaben ebenso an, wegen Computerspielen negative soziale Auswirkungen zu haben.

Blikk-Studie

Bild: Eigene Darstellung

Laut Aussage der Studie gibt es einen Zusammenhang zwischen einer intensiven Mediennutzung und Entwicklungsstörungen. Es wird festgestellt, dass ohne eine früh gelernte digitale Medienkompetenz das Risiko, den Umgang mit den digitalen Medien nicht kontrollieren zu können steigt. Gerade aus der Befragung der Jugendlichen im Rahmen der J1-Untersuchung (siehe unterer grauen Kasten) leiten die Macher der Studie ein erhöhtes Gefährdungspotenzial zur Entwicklung einer digitalen Mediensucht ab.

Geteilte Meinungen: Bert te Wildt – Schau hin! – Wissenschaftler – Landesmedienzentrum

Die Initiative Schau hin! warnt wie das Landesmedienzentrum vor Alarmismus und setzt auf Medienbildung. Bild: Schau hin!

Bert te Wildt, Leiter der Medienambulanz der Ruhr-Universität Bochum, gilt in Deutschland als führender Experte in Sachen Internetsucht. Für ihn gibt es klare Symptome einer Internetsucht. Das Internet gehört für ihn trotzdem zum Alltag, wobei man die digitale Revolution so gestalten müsse, dass sie nicht krank macht.

 

Die Medieninformationsseite Schau hin! warnt vor Alarmismus. Exzessive Mediennutzung sei oft vorübergehend und nicht nur an der mit Medien verbrachten Zeit messbar. Mediensucht sei für die Organisation auch an gesundheitliche, leistungsbezogene, soziale und emotionale Probleme gebunden. Handlungsbedarf sehen sie bei den Eltern: Extreme Mediennutzung trete nicht plötzlich auf und könne durch Absprachen und Alternativen zur Freizeitgestaltung verhindert werden. Auch durch die noch nicht offizielle Anerkennung von Mediensucht als Erkrankung seien die Gespräche darüber schwierig.

 

Gegen die Klassifizierung der Gaming Disorder als Krankheit sprachen sich bereits einige Wissenschaftler in einem öffentlichen Brief aus. Sie sehen die Bedenken bei problematischen Gamingverhalten, sind aber gegen die offizielle Bezeichnung als neue psychische Störung. Ihre Hauptkritik ist nach ihrem Schreiben die bislang „schlechte Qualität der Forschung“ und „die Uneinigkeit über Symptome und Einschätzungen“. Sie befürchten voreilige Diagnosen.

 

Auch das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg möchte sich keinem Alarmismus anschließen. Wichtiger ist eine umfassende Medienbildung, gerade im Rahmen der Schulbildung. Somit sollen Kinder und Jugendliche lernen, Medien aller Art sinnvoll zu nutzen und auch die jeweilige Nutzungsdauer und -intensität einschätzen zu können. Dabei sollten Eltern ihre Kinder unterstützen und auf Regeln, Absprachen zu Spielewebseiten sowie auf USK-Kennzeichnungen achten. 

Änderungen gefordert

In Bezug auf die Digitalisierung und Jugendschutz werden auch auf politischer Seite Änderungen gefordert. Bild: Unsplash.com, Lizenz: CC0

Im Drogen- und Suchtbericht 2017 forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, Änderungen. Jugendschutz müsse der Digitalisierung angepasst werden, weshalb suchtfördernde Merkmale in Spielen und anderen Anwendungen beachtet werden sollen. Ebenso wird von der Spielewirtschaft gefordert, Computerspiele suchtmindernd zu gestalten. Informationsangebote in Schulen, Kindergärten und Erziehungsberatungsstellen sollen gesteigert werden.

 

Man darf gespannt sein, ob die WHO die Internetspielesucht Mitte 2018 offiziell als Krankheit klassifiziert. Nichtsdestotrotz handeln immer mehr Ärzte und Organisationen sowie die Regierung in Richtung Prävention – denn zumindest als Problem wurde die Internetspielesucht flächendeckend anerkannt.

Mehr zum Thema

Mehr über das Thema Computerspiele finden Sie hier, ebenso wie einen ausführlichen Ratgeber für Eltern. Das Landesmedienzentrum bietet regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Kindliche Medienwelt an, alle aktuellen Termine finden Sie auf kindermedienland-bw.de.

Ebenso bietet das Programm 101 Schulen Schüler-Workshops zum Thema Digitale Spiele an. 

Computerspiele, Eltern, Jugendmedienschutz

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